Pressebericht

Autonomes Fahren: Hände weg vom Steuer

Computergelenkte Autos werden die Mobilität revolutionieren. Ismail Ertug bringt das Thema groß auf die EU-Agenda.

Von Stefan Stark

Brüssel. Die Revolution auf den Straßen naht im Eiltempo heran. Hochautomatisierte Autos, die ohne Fahrer auskommen, werden nach Überzeugung von Experten bald allgegenwärtig sein – mit einschneidenden Folgen. Denn die Roboter-Autos werden gleichermaßen einen ökonomischen und einen sozialen Umbruch auslösen. Insgesamt eine Million Jobs im Transport- und Beförderungsgewerbe könnten laut Studien in den nächsten zehn Jahren in Europa und in den USA wegfallen. Um von der Entwicklung nicht überrollt zu werden, arbeitet die Politik mit Hochdruck an Antworten.

Der Oberpfälzer EU-Abgeordnete Ismail Ertug hat das Thema im Europaparlament groß auf die Agenda gesetzt. Wir treffen den SPD-Verkehrsexperten an einem Mittwoch im Dezember in Brüssel, wo er bereits die fünfte Fachtagung der „Driving Future Plattform“ veranstaltet. Mehr als 100 internationale Verkehrsfachleute sind ins Europaparlament gekommen, um die Chancen, aber auch über die gewaltigen Herausforderungen des automatisierten Fahrens auszuloten.

Ein Flickenteppich von Regeln

Der Amberger SPD-Politiker Ertug sagt: „Wir haben derzeit einen Flickenteppich verschiedener Straßenverkehrsordnungen in Europa. Es gibt 27 unterschiedliche nationale Regelungen. Vor allem mit Blick auf den grenzüberschreitenden Verkehr müssen wir die Gesetze harmonisieren“, erklärt Ertug und kündigt einen Aktionsplan der EU-Kommission für kommendes Frühjahr an.

Die Technik ist bereits weit fortgeschritten. Seit Monaten testen Autobauer wie BMW und Audi rund um das Autobahndreieck Holledau entlang der A 9 hochautomatisierte Fahrzeuge, bei denen der Bordcomputer die Kontrolle über das Steuer übernimmt. Der Mensch muss bei diesen Autos nur noch im Notfall eingreifen. Experten glauben: Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden computergesteuerte Autos und Lastwagen sowie fahrerlose Busse zum gewohnten Anblick gehören. Vorher ist allerdings der Gesetzgeber gefordert, um die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Bei Ertugs Expertenrunde im EU-Parlament wird schnell deutlich, was für ein radikaler Umbruch mit den fahrerlosen Autos auf uns zurollt. Florian Ranft und Martin Adler von der Denkfabrik „Policy Network“ sagen einschneidende Veränderungen voraus. Zunächst zu den positiven Auswirkungen: weniger Unfälle, weniger Staus, kürzere Transportzeiten, sinkender Spritverbrauch, geringerer CO2-Ausstoß, niedrigere Transportkosten, weniger Landverbrauch. In den Städten wird in Zukunft mehr Platz sein – zum Beispiel, weil man mit weniger Parkplätzen auskommt. Die freiwerdenden öffentlichen Räume könne man dann etwa für den Wohnungsbau nutzen – oder für Parkanlangen.

Aus all dem ergäben sich enorme Wachstumsimpulse für die europäische Wirtschaft. Die Experten haben berechnet: Die Effekte des autonomen Fahrens werden das Bruttoinlandsprodukt in den EU-Staaten bis zum Jahr 2050 um 5,3 Prozent ansteigen lassen.

Den positiven Veränderungen stehen jedoch zahlreiche ungeklärte Fragen gegenüber: Ranft und Adler nennen die Kosten für Cyber-Sicherheit, Datenschutz und den Ausbau der Infrastruktur.

Zur Person: Ismail Ertug

Der SPD-Politiker Ismail Ertug

wurde 1975 in Amberg geboren. Seine türkischen Eltern hatten drei Jahre zuvor ihre Heimat verlassen.

Seit Juli 2009

ist Ertug Mitglied des Europäischen Parlaments. Dort sitzt er unter anderem im Ausschuss für Verkehr und Fremdenverkehr.

Der Hintergrund: In der letzten Ausbaustufe des autonomen Fahrens – im Fachjargon Level 5 genannt – brauchen die Autos keinen Fahrer mehr. Das funktioniert aber nur durch eine Vernetzung der Fahrzeuge mit der kompletten Infrastruktur und einen permanenten Datenaustausch der Autos untereinander. Die entsprechende Kommunikations-Infrastruktur muss erst noch aufgebaut werden und die Netzwerke müssen gegen Cyberangriffe geschützt werden. Schlimmstenfalls könnten sonst Hacker länderübergreifend den Straßenverkehr sabotieren. Auch hier müssen die Standards EU-weit harmonisiert werden.

Darüber hinaus sagen die Experten eine disruptiven Entwicklung am Arbeitsmarkt voraus. Laut Prognosen werden in den EU-Staaten Hunderttausende Lkw- und Taxifahrer in den kommenden Jahren durch Roboter-Fahrzeuge ersetzt.

„Das Vision-Zero-Ziel – null Verkehrstote bis zum Jahr 2050 – ist ein europäisches Gesetz.“

Ismail Ertug

Tom Voege, Experte beim International Transport Forum der OECD, verweist darauf, dass schon jetzt fahrerlose Lastwagen im Rahmen eines Pilotprojekts getestet werden. Es handelt sich um Lkw-Platoons, die dicht aneinandergedrängt unterwegs sind. Das Führungsfahrzeug gibt Tempo und Richtung vor, der Konvoi dahinter folgt ihm. Die Laster brauchen weniger Sprit, weil sie im Windschatten fahren. Und wenn die rechtlichen Regeln geklärt sind, kommen die Brummis ohne Fahrer aus.

OECD-Experte Voege sagt: „Durch die arbeitslosen Lkw- und Taxifahrer entstehen hohe Sozialkosten.“ Das mache Investitionen in Fortbildung und Umschulungen notwendig. Zwar würden durch die Digitalisierung auch Jobs geschaffen. Aber es gebe eine große Unsicherheit, wie viele neue Arbeitsplätze entstehen – und in welchen Gebieten.

Stefan Deix, Direktor der Organisation EUCAR, fordert eine Technik, die auf den Menschen ausgerichtet ist. Bei den Standards Level 3 und Level 4 ist das Fahren zwar hochautomatisiert beziehungsweise vollautomatisiert. Das System übernimmt hier teilweise oder auch vollständig die Fahraufgaben. Doch im Notfall muss immer noch der Mensch eingreifen können. Wenn das System eine Situation nicht bewältigen kann, fordert es den Fahrer auf, die Führung zu übernehmen. Bereits 2019 könnten die gesetzlichen Regelungen für die Zulassung der Level-3-Fahrzeuge unter Dach und Fach sein.

Der Verkehrsexperte Deix erklärt dazu: „Der Fahrer muss nicht nur die Funktionen des Systems, sondern auch seine Grenzen kennen. Gleichzeitig muss der Bordcomputer über den Zustand des Fahrers Bescheid wissen. Wenn der Mensch nicht in der Lage ist, die Kontrolle zu übernehmen, muss der Computer das Auto auf einem sichern Platz anhalten.“ Nur dann sei die neue Technik auch wirklich sicher.

Weniger Tote auf den Straßen

OECD-Experte Voege nennt hier den Aspekt der Verkehrssicherheit. „1,25 Millionen Menschen sterben jedes Jahr weltweit durch Verkehrsunfällen“, erklärt er. Durch das automatisierte Fahren lasse sich die Zahl der Opfer deutlich reduzieren.

Der Oberpfälzer EU-Abgeordnete Ertug befasst sich als Koordinator im Verkehrsausschuss des Europaparlaments auch mit Verkehrssicherheit. „Durch ihre Gesetzgebung hat die EU bereits viele Menschenleben gerettet“, sagt er. Ertug nennt als Beispiele die Gurtpflicht sowie technische Innovationen wie ESP und Spurhaltesysteme. „Die Zahl der Verkehrstoten hat in den vergangenen Jahrzehnten exorbitant abgenommen.

Heute sterben in den EU-Ländern jährlich rund 24 000 Menschen auf den Straßen. Vor 30 Jahren waren es fast dreimal so viel.“ Ertug verweist auf einen ehrgeizigen Plan der EU: „Das Vision-Zero-Ziel – null Verkehrstote bis zum Jahr 2050 – ist ein europäisches Gesetz. Um die Vorgabe zu erreichen, brauchen wir unweigerlich die technischen Neuerungen. Das autonome Fahren zählt zu den wichtigsten Innovationen, um dieses Ziel zu erreichen.“

 

Quelle: www.mittelbayerische.de am 27.12.2017

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