Pressebericht

Ein letztes Mal Winterzeit in Deutschland?

Die EU will die Zeitumstellung abschaffen, aber so schnell wird es dann doch nicht gehen – Es droht ein Zeit-Flickenteppich in Europa

EU-weit wird intensiv über die Abschaffung der Zeitumstellung diskutiert – dabei droht aber einiges Chaos. Im September hatte die EU-Kommission vorgeschlagen, das Drehen an der Uhr abzuschaffen. Jeder Staat soll stattdessen ab kommendem Jahr selbst entscheiden können, ob er dauerhaft Sommer- oder Winterzeit will. Für die Brüsseler Behörde und ihren Chef Jean-Claude Juncker könnte dies eines der letzten großen Vorhaben werden.

Die Kommission, der in der Vergangenheit bisweilen bürgerferne Regulierungswut nachgesagt wurde, gab sich dabei vermeintlich volksnah. In einer EU-weiten Online-Umfrage sprachen sich 84 Prozent der Teilnehmer für die Abschaffung der Zeitumstellung aus. Die meisten plädierten für eine dauerhafte Sommerzeit. 4,6 Millionen Antworten gingen bei der EU-Kommission ein – ein Rekord für diese Art von Befragungen, aber immer noch weniger als ein Prozent der EU-Bürger.

Der sozialdemokratische Europa- Abgeordnete Ismail Ertug aus Amberg ist trotzdem optimistisch, dass das Vorhaben gelingt: „Man kann davon ausgehen, dass schon bald die Uhren nicht mehr umgestellt werden. Zumindest entspricht das dem Wunsch von über drei Millionen Deutschen, die sich an der Umfrage der Europäischen Kommission im Sommer beteiligt haben.“

Andererseits sei es wichtig, dass die EU-Kommission keinen „Flickenteppich der Zeitzonen“ herbeiführt. „Wenn wir nur die nationale Perspektive verfolgen“, so Ertug, „riskieren wir ein böses Erwachen, denn die Zeiten von Sonnenaufgang und -untergang unterscheiden sich quer durch ganz Europa.“

 Juncker jedenfalls verkündete nach der Umfrage kurzerhand: Möglichst bis zur Europawahl im kommenden Frühjahr sollten Fakten geschaffen werden. Bis April sollen die Staaten sich überlegen, welche Zeit sie dauerhaft behalten wollen. Für den Gesetzgebungsprozess der EU, in dem manche Vorhaben teils jahrelang ausverhandelt werden, wäre dies ein enormes Tempo. Doch vor allem unter den EU-Staaten, die – wie auch das Europaparlament – mehrheitlich zustimmen müssten, gibt es noch viele Fragezeichen.

So heißt es, im Moment werde auf Arbeitsgruppenebene noch durchexerziert, was die Umstellung nicht nur für die Menschen, sondern auch für eine ganze Reihe von Branchen bedeutet. Wie könnte sie sich auf den EU-Binnenmarkt, den Warenhandel, Bahn- oder Flugverkehr auswirken? Das bisherige Meinungsbild ist durchaus gespalten. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen haben sich etwa für eine Abschaffung der Zeitumstellung und dauerhafte Sommerzeit ausgesprochen. Die Slowakei will permanente Winterzeit. Portugals Premierminister Antonio Costa spricht sich hingegen dafür aus, den halbjährigen Wechsel beizubehalten. Mündet das ganze also in einen Flickenteppich?

Schon jetzt gibt es drei Zeitzonen in der EU. In Deutschland und 16 weiteren Staaten gilt dieselbe Zeit. Acht Länder – unter ihnen Bulgarien, Estland, Finnland, Griechenland und Zypern – sind uns eine Stunde voraus. Drei Staaten sind eine Stunde zurück, nämlich Irland, Portugal und Großbritannien. 

 

Quelle: AZ vom 27.10.2018

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