Pressebericht

Erdogan, die Nazi-Keule und eine Drohung

Konflikt Der türkische Präsident provoziert einen Aufschrei in Deutschland. Was bezweckt er damit? In Ostbayern stößt er auf Ablehnung - und Verständnis.

 

von Pascal Durain, MZ und Can merey, dpa

Istanbul/Regensburg. Ferdi Aluz braucht nur Bruchteile von Sekunden, ehe es aus ihm herausplatzt: “Nein, natürlich nicht.” Der 27 Jahre alte Mann hat sich längst entschieden, wie er am 16. April - dem Tag des Referendums über das Präsidialsystem in der Türkei - abstimmen wird. Diese Abstimmung - sie ist Auslöser eines bizarren Streits, in dem es mittlerweile darum geht, wie Deutschland mit der Türkei umgehen will.

Aluz kam vor knapp 14 Monaten aus Istanbul nach Regensburg, er arbeitet in einem Falafel-Imbiss am Regensburger Bismarckplatz und absolviert nebenbei einen Deutschkurs, ehe es dann an die Universität gehen soll. Erdogan - das sei ein Mann, der denselben Machtanspruch wie Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi habe. Natürlich sei der Nazi-Vergleich unangebracht, man dürfe den türkischen Staatspräsidenten aber nicht unterschätzen. Er wisse genau, welche Knöpfe er drücken müsse. Europa verhalte sich ihm gegenüber noch viel zu passiv, und genau das nutze Erdogan aus.

Ein anderes Bild vom türkischen Präsidenten ist seit Freitag in den türkischen Kinos zu sehen: “Reis” - so der der Titel des überall beworbenen Films. Übersetzt heißt der Streifen “Anführer” - und natürlich geht es um Recep Tayyip Erdogan. Genau genommen geht es um den jungen Erdogan, um seine Kindheit und um seinen Aufstieg zum Bürgermeister von Istanbul. Das Biopic - nach den Worten von Hauptdarsteller Reha Beyoglu “kein Propagandafilm” - porträtiert Erdogan als gerechten, mitfühlenden, selbstlosen, hilfsbereiten, gottesfürchtigen, respektvollen und ruhigen Menschen.

Vom Agenten zum Terroristen

Aber wenn es um Deutschland geht, ist Erdogan derzeit alles andere als ruhig, und ob Nazi-Vorwürfe respektvoll sind, ist auch fraglich. Schon in der Vergangenheit arbeitete sich Erdogan gerne an der Bundesrepublik ab, der er vorwirft, türkischen Terrorverdächtigen Schutz zu gewähren. Dann schien Deutschland eine Zeit lang wieder aus Erdogans Blickfeld zu geraten - bis Ende vergangener Woche. Seitdem greift er Deutschland - offiziell immerhin noch mit der Türkei befreundet - in nie da gewesener Härte an.

Am späten Freitagabend warf er der Bundesregierung vor, dem inzwischen inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel auf Botschaftsgelände Unterschlupf gewährt zu haben, statt ihn an die “unabhängige und unparteiische Justiz” auszuliefern. Im selben Atemzug nannte Erdogan - Unschuldsvermutung hin oder her - Yücel einen “deutschen Agenten” und einen Vertreter der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Auch wenn der Spionage-Vorwurf zuvor noch gar nicht gegen Yücel erhoben worden war: Kaum ein Richter dürfte sich noch trauen, zu einem anderen Urteil zu kommen.

“Wenn ich will, dann komme ich”

Am Sonntag meldete Erdogan sich dann erneut zu Wort. “Hey Deutschland”, rief der Präsident bei einer Veranstaltung. “Eure Praktiken unterscheiden sich nicht von den Nazi-Praktiken in der Vergangenheit.” Gemeint ist der Streit um Wahlkampfauftritte türkischer Minister in der Bundesrepublik. Noch am Abend legte Erdogan nach und nannte Yücel einen “Terroristen”. Unter Beifall sagte er: “Ich dachte, dass der Nationalsozialismus in Deutschland beendet ist. Dabei dauert er immer noch an.” Zugleich drohte Erdogan, selbst ein Einreiseverbot für türkische Politiker würde ihn gegebenenfalls nicht stoppen: “Wenn ich will, dann komme ich auch.”

Diese Sätze polarisieren. Nicht nur in Berlin, auch in Ostbayern sehen viele Landsleute die Aussagen kritisch. Zum Beispiel Ferdi Eraslan aus Schwandorf. Eraslan ist Stadtrat für die Freien Wähler und sagt: Ja, das deusch-türkische Verhältnis sei auf der politischen Ebene auf einem Tiefpunkt angekommen. Der Nazi-Vergleich sei nicht von heute auf morgen gekommen, sondern sei das Ergebnis eines länger angestauten Konflikts, der mit der Armenien-Resolution des Bundestags begann. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Menschen mit türkischen Wurzeln sei dadurch aber nicht gestört. “Wir leben hier zusammen, das müssen wir ja auch. (...) Die menschliche Ebene darf sich da nicht mitreißen lassen.” Alle, die sich zu einer Meinung über Erdogan hinreißen lassen und sich nach Diskussionen nicht mehr in die Augen schauen können, rät er, sich nicht nur einseitig zu informieren. “Den Medien”, sowohl in der Türkei als auch in Deutschland, gibt Eraslan eine Mitschuld an dem angespannten Verhältnis. Der Schwandorfer Stadtrat ist überzeugt: Erdogan hat den deutschen Journalisten Yücel nicht inhaftiert, sondern die Justiz und die Behörden. Er ist überzeugt: “Wenn er nichts angestellt hat, kommt er auch sofort frei.”

Das sieht der Amberger SPD-Politiker Ismail Ertug anders. Kritische Berichterstattung dulde die Regierung nicht. Der EU-Abgeordnete sagt, er stünde massiv unter Druck, weil vielen AKP-treuen Türken in Deutschland seine Meinung zu Erdogan und sein Abstimmungsverhalten nicht gefallen. Wer Hass-Kommentare auf seiner Facebook-Seite finden will, muss auch nicht lange danach suchen. Die regierende Partei in der Türkei verstehe es eben, die Leute auch hier aufzuhetzen, sagt Ertug. Ob dieses Mal der Tiefpunkt der deutsch-türkischen Verhältnisse erreicht ist, beantwortet der Oberpfälzer nur so: “Dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer.” Dazu habe er sich zu oft schon geirrt. Dass sich Erdogan auf dem Weg in sein “Sultanat mit vielen Rechten und wenig Pflichten” aber jetzt so beleidigt aufführe, habe auch sein Gutes: Er scheint tatsächlich eine Niederlage zu fürchten.

Quelle: MZ am 07.03.17

 

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