Pressebericht

Europa der Herkulesaufgaben

Naive deutsche Gutmenschen, berechnende Osteuropäer, labernde EU-Parlamentarier. Je nachdem, in welchem Land jemand die Zeitung aufschlägt, hat die Flüchtlingsdiskussion einen anderen Zungenschlag. Die Wahrheit ist komplexer. Das machte ein Workshop der Partnerstädte deutlich.

Den schwersten Stand hatte Petr Tresnák, der Bürgermeister von Marienbad. Umzingelt von pro-europäischen Amtskollegen sollte er am Samstag im Alten Rathaus erklären, warum sich seine Landsleute so schwer tun, Flüchtlinge aufzunehmen. An Tresnák liegt es jedenfalls nicht. Seine Stadt sei von jeher kosmopolitisch. Der Kurort habe schon Gäste wie Atatürk beherbergt. "Man sagt, er sei wegen des Nachtlebens gekommen. Auch so etwas hat die moderne Türkei beeinflusst."

Interessant: Tresnák gehört der Piratenpartei an. Während deren Vertreter hierzulande oft nicht über den nächsten Wlan-Hotspot hinausdenken, sind die Piraten in Tschechien neben der Partei 09 die einzigen, die sich konsequent zur Europäischen Union bekennen. Andere Parteien und die Mehrheit der Medien operierten bei Flüchtlingen dagegen offen mit Angst um Jobs, Sozialneid und antideutschen Untertönen, bedauerte das Stadtoberhaupt. Dass die Marienbader eine Ausnahme bildeten, hänge auch mit den Weidener Städtepartnern zusammen. In Macerata, Issy-les-Moulineaux oder Weiden läuft die Flüchtlingshilfe ähnlich ab, kam in den Referaten zum Vorschein. Behörden und Ehrenamtliche aus kirchlichen Verbänden und Asyl-Arbeitskreisen kümmern sich um Unterkunft, Sprachkurse und Kleidung. Beim Rundgang der Gäste durch die Gemeinschaftsunterkunft Camp Pitman tauchen dann aber auch unbekannte Aspekte auf. Etwa, dass Prager Studenten ab und an mitarbeiten und so den Ruf ihres Landes aufpolieren. Wie hatte Europaparlamentarier Ismail Ertug zuvor gesagt? "Ich habe in Straßburg und Brüssel gelernt, dass die Wahrheit immer in der Mitte liegt."

"Vielleicht braucht Osteuropa einfach mehr Zeit", meinte OB Kurt Seggewiß, der mit einem Europa der zwei Geschwindigkeiten liebäugelt. Doch er wies auch darauf hin, dass es genug akuten Handelsbedarf gibt. Das bekomme Italien zu spüren, wenn täglich neue Flüchtlingsboote anlanden. Zu lange hätten sich alle hinter den Dublin-Regeln versteckt, die besagen, dass sich dasjenige EU-Land darum kümmern soll, wo die Migranten zuerst ankommen. "Die bisherigen Quoten haben nicht funktioniert. Wir brauchen Einrichtungen in Afrika, die Flucht verhindern", forderte Narcisio Ricotta, Referent für Soziales bei der Stadt Macerata.

Was dabei hilft? "Druck", erlaubte Ismail Ertug einen Einblick in seinen Kopf. "Politiker funktionieren auf Druck." Dass es sich für alle Seiten lohnt, in der Flüchtlingsfrage anzupacken, statt sich wegzuducken, unterstrich Manfred Weiß von der Diakonie. Er stellte Moutaz Rawas aus Syrien und Karim Haydari aus Afghanistan vor. Zwei, die alles tun, sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden. Vorzeigeflüchtlinge. Aber eben Vorbilder für gute Integrationsarbeit, von der ganz Europa eines Tages profitieren könnte.

 

Quelle: Onetz.de am 26.06.2017

Alle Presseberichte

Newsletter

Sie wollen über aktuelle europäische Themen und meine parlamentarische Arbeit regelmäßig informiert werden? Hier können Sie sich für meinen monatlichen Newsletter anmelden.