Pressebericht

Europatag: Handeln, mitmachen, bewegen

Deggendorf. Zum Anlass „60 Jahre Römische Verträge“ gab es an der Gewerblichen Berufsschule Deggendorf einen Vortrag zum Thema Europa und Europäische Union. Vendula Maihorn und Daniela Zeh vom Europabüro Niederbayern „europe direct“ in Freyung hatten die Einladung durch Schulleiter Ernst Ziegler und Organisator Markus Lauterbacher gerne angenommen und konnten für den diesjährigen Vortrag den Europaparlaments-Abgeordneten Ismail Ertug gewinnen, der den Schülern erstaunlich klar, direkt und erfrischend ehrlich seine Arbeit und die der anderen Abgeordneten darstellte.

Erfrischend deswegen, „weil man sich einen Europaparlamentarier eigentlich anders vorstellt“, so Ziegler. Ertug sei „schön am Boden“ und schaffte es deswegen, über fünfzig 17- bis 20-jährige Jugendliche so an seine Lippen zu fesseln, dass sie nicht nur während seines Vortrags „mucksmäuschenstill“ waren, sondern danach auch noch sehr gewagte Fragen stellten, denen der Abgeordnete ehrlich und ohne „politisches Gerede“ nachging.

Bei einer kurzen Einleitung durch Vendula Maihorn, bei der sie die Bedeutung der EU für den Alltag herausstellte, wurde den Schülern wieder ins Gedächtnis gerufen, dass die Idee eines gemeinsamen Europas aus dem „Trümmerhaufen“ nach Krieg und Konflikten entstanden ist. Die damalige Idee sei sehr mutig gewesen – ehemals bis auf den Tod verfeindete Staaten sollten wieder eng zusammenarbeiten. Die EU sei „eine der wichtigsten Errungenschaften überhaupt“, das Schengener Abkommen, Reisefreiheit, eine gemeinsame Währung und jetzt auch die Abschaffung der Roaming-Gebühren – trotz Problemen ist eines bedeutsam: Die EU ist seit 70 Jahren ein Garant für Frieden und es gibt aktuell keine bessere Alternative. Europa sei eine Familie, in der es dazugehöre, auch mal zu streiten.

Das griff Ismail Ertug auf – mittlerweile habe sich das Wissen der Bürger verändert, er wisse, dass Fragen, auch unbequeme, schon von jungen Europäern gestellt würden – und deshalb sei er hier. „Filme sind immer gut, Hochglanzbroschüren auch, doch wie sieht die Realität aus?“ Europa sei durch Konflikte entstanden und wenn man von den gemeinsamen Werten abweiche und nicht mehr zusammenarbeite, gebe es zwangsläufig und unweigerlich Krieg. Ertug, der als Mitglied der Delegation für Beziehungen zu den Ländern Südostasiens und den Vereinigten südostasiatischen Staaten (ASEAN) regelmäßig in diese Länder reist und sich mit jungen Leuten unterhält, ruft den Schülern eines ins Gedächtnis: 70 Prozent der Weltbevölkerung haben „Handicaps, ihr Leben so gestalten zu können, wie wir es für selbstverständlich halten“, erzählte er. Viele hätten ihn darauf angesprochen, sogar im Urlaub in Ägypten habe er von einem jungen Arzt aus reicher Familie gehört, er würde „nicht eine Minute länger in diesem Land bleiben, wenn er die Chance hat, in Europa zu leben und zu arbeiten“. Viele Menschen in Autokratien fragten ihn regelmäßig nach den für sie unverständlichen Beweggründen von Brexit und der Anti-Europa-Bewegung. Die Europäer, erklärt er dann, seien damit aufgewachsen, dass andere Menschen andere Meinungen haben dürfen, dass es ganz normal ist, sich im Diskurs über Themen zu unterhalten. In anderen Ländern, sagte er in Deggendorf, sei dies nicht selbstverständlich, teils stünde darauf Gefängnis, manchmal sogar die Todesstrafe. Dies sei der Unterschied zwischen einer offenen und einer anders geführten Gesellschaft – das „schönste Leben“ in Europa wird begleitet von der Möglichkeit, frei zu reisen, wählen zu dürfen, schwul sein zu dürfen – und ist damit ein Vorbild auf der ganzen Welt.

Die Schüler, die in absehbarer Zeit Verantwortung übernehmen werden und müssen, so Ertug, sollten darüber nachdenken, wie sie sich fühlen würden, gäbe es noch die ganzen Einschränkungen. Ertug berichtete von seinem ersten Besinnungstag in Amberg Anfang der 90er Jahre, an dem die Jugendlichen seiner Klasse und er gemeinsam eine Wanderung entlang der Grenze unternahmen. Selbst der unpolitischste Partygänger aus seiner Klasse habe sich gefragt: Warum ziehen wir in der Mitte Europas, in unserer Heimat, solche künstlichen Grenzen? „Die absolute Wahrheit ist nie die, die man für sich beansprucht“, das sei klar. Doch die Frage stelle sich ihm noch immer, wenn er die anti-europäischen Bewegungen im Osten Europas beobachtete.

Die Schüler sprachen ihn ganz offen darauf an. Das Thema Orban und die nationale Bewegung in Ungarn, der Türkei und anderen Staaten war ein zentraler Aspekt des Diskurses. In diesem Zuge informierte er über die Arbeit des DCAS, der Delegation in den Ausschüssen für parlamentarische Kooperation zwischen der EU und Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan und der Mongolei. Ismail Ertug, gebürtiger Amberger, ist seit 2009 Mitglied des europäischen Parlaments und vertritt dort die Angelegenheiten der Regionen Niederbayern und Oberpfalz. hbi 

Quelle: Deggendorfer Zeitung am 24.05.2017

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