Pressebericht

Türkische Paranoia

Ein Regime schlägt wild um sich. "Die Verhaftungswelle zeigt, mit welcher Paranoia Erdogan reagiert", sagt der Amberger Europa-Abgeordnete Ismail Ertug (SPD). Die Weidener Sektion von Amnesty International ruft dazu auf, sich an ihrer Briefaktion zu beteiligen.

Amberg/Weiden. Die Lage in der Türkei spitzt sich weiter zu. Vor allem auch für jene, die das Land lieben, eine schlimme Situation. "Ich war seit einem Jahr nicht mehr dort", sagt Ertug. Nicht nur die Verhaftungen des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner und anderer Aktivisten sowie prominenter Regimekritiker wie Idil Eser, Direktorin der türkischen Sektion, oder Taner Kiliç, des Vorstandssprechers von Amnesty International in der Türkei, beunruhigt den Amberger EU-Politiker. "Ich mache mir um die vielen Tausend verhafteten unbescholtenen Bürger Sorgen, die im Ausland keiner kennt."
Ertug war in den vergangenen Jahren entschiedener Befürworter eines türkischen EU-Beitritts. Auch weil dieser zu Beginn der Erdogan-Ära eine gewisse Garantie zu versprechen schien, dass das Land auf dem Weg der Demokratisierung fortschreitet. Nachdem der AKP-Politiker die Türkei Schritt für Schritt in eine Diktatur verwandelt, fordert Ertug eine klare Unterscheidung: "Wir müssen deutlich machen, dass es keine Toleranz für Erdogans Kurs gibt, aber dass wir gleichzeitig die 80 Millionen Menschen dort nicht im Stich lassen."

Angst vor Ächtung

Der intime Kenner des deutsch-türkischen Milieus ist überzeugt, dass auch die in Deutschland lebenden Türken und Deutsch-Türken die Politik des Präsidenten mehrheitlich ablehnen. "Am Referendum haben sich lediglich 40 Prozent beteiligt." Davon hätten zwar 60 Prozent für Erdogans Präsidialsystem gestimmt, aber auch darunter befänden sich viele, die längst nicht mit allen Maßnahmen des Regimes einverstanden seien. "Wenn man einmal in dieser konservativen Clique ist, ist es sehr schwer sich kritisch zu äußern, weil man von den Hardlinern geächtet wird." Das sei auch der Grund, warum sich die schweigende Mehrheit kaum zu Wort melde: "Viele befürchten, dass sie beim nächsten Besuch bei Verwandten verhaftet werden oder ihre Familien Schwierigkeiten bekommen." Und das ist seit dem Putschversuch vergangenes Jahr keine Seltenheit: "Die Frau von Can Dündar, Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet", darf nichts ins Ausland, und der Vater des Fußballers Hakan Sükür wurde verhaftet und nur wieder freigelassen, weil er schwer krank war." Solche Fälle gäbe es "hundertfach".

Deshalb ist es auch für die Weidener Sektion von Amnesty International so schwer, Kontakt zur türkischen Gemeinde in der Oberpfalz aufzunehmen: "Die Leute haben Angst, offen ihre Meinung zu äußern", sagt deren Sprecher Veit Wagner. Es sei nicht ausgeschlossen, dass Erdogan-Kritiker auch hierzulande denunziert würden. Dennoch wünschen sich auch seine Mitkämpfer Hans-Peter Pauckstadt-Künkler, Pfarrer in Rothenstadt, und der Künstler Hugo Braun-Meierhöfer ein Gesprächsforum mit türkischen Mitbürgern.

Post an den Justizminister "Wir befürchten, dass viele von den türkischsprachigen Medien über die Situation in der Türkei nicht neutral aufgeklärt werden", sagt Braun-Meierhöfer." Einstweilen versucht der aktive Unterstützerkreis mit rund 200 Briefeschreibern türkischen Regierungsstellen bewusst zu machen, dass man die Verhafteten nicht vergessen werde.

An Justizminister Bekir Bozdag ist derzeit massenweise Post aus Deutschland unterwegs, in der Amnesty-Unterstützer unter anderem feststellen: "Die Festgenommenen haben sich nichts zuschulden kommen lassen." Der Vorwurf, dass AI-Direktorin Idil Eser "Mitglied in einer bewaffneten terroristischen Organisation" sei, "ist absurd und entbehrt jeglicher Grundlage". Dies bleibe der Welt nicht verborgen. "Ich fordere Sie hiermit auf, zu veranlassen, dass alle zehn Inhaftierten und Taner Kiliç sofort und bedingungslos freigelassen werden." Nachahmung ausdrücklich erwünscht.

Quelle: www.onetz.de am 20.07.2017

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