Pressebericht

Zwischen Entsetzen und Abwarten

Reaktionen Die Menschen in der Region sind bestürzt über Donald Trumps Wahlsieg - und erwarten wenig Gutes vom neuen US-Präsidenten.

von Marianne Sperb, MZ

Regensburg. Politikern wirft man gern vor, dass sie Wahlversprechen brechen. Bei Donald Trump ist es umgekehrt: Viele hoffen, dass er lässt, was er angekündigt hat. Politiker, Künstler, Sportler oder Wissenschaftler aus der Region: Sie reagierten am Mittwoch durch die Bank verblüfft, vielfach bestürzt, auf den Wahlausgang. Einer von ihnen: Professor Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg.

Der Amerikanist kennt die USA ausgezeichnet. Trotzdem war er so überrascht wie die meisten Menschen, als sich der Sieg abzeichnete - auch im Audimax, bei der Wahlparty mit 1600 Menschen. “Wir lagen alle falsch”, sagt Hebel. Das System der Wahlprognose habe im Fall Trump versagt.

“Ein Rest an Unerklärlichem”

Für den Erfolg des Tycoons gebe es viele Erklärungsmöglichkeiten. “Aber es bleibt ein Rest an Unerklärlichem.” Offenbar sei Trump für die “armen weißen Männer” doch mehr Projektionsfläche als angenommen. Den amerikanischen Traum habe Trump offenbar stärker vermittelt, als es viele wahrhaben wollten, sagt Hebel. Die Attraktivität des Polit-Rabauken für Wähler, die sich vergessen fühlen, wurde “nicht genug angeschaut”.

“Wir müssen das Ergebnis der US-Wahl akzeptieren”, sagt Hebel auch. “Das heißt nicht: zu akzeptieren, was Trump sagt.” Mit Blick auf die Außenpolitik vertraut der Wissenschaftler darauf, dass hier - unabhängig von Personen - klare vitale nationale Interessen regieren. Ganz ohne Weiteres werde auch Trump die US-Außenpolitik nicht völlig über den Haufen werfen. Andererseits sei der Präsident von einem “geradezu egomanischen Sendungsbewusstsein getrieben”.

Hebel denkt nicht, dass der Ausgang der Wahl das amerikanische System und die Nation komplett aus den Angeln heben wird. Trumps Sieg bedeute aber die Aufforderung an Europa, wachsam darauf zu blicken, wie die Länder in einer immer globaleren Welt zusammenwachsen können. Dazu brauche es ein konkretes, nachvollziehbares Programm. Aus europäischer und deutscher Sicht müssten jetzt klare Wertvorstellungen positioniert werden.

Eine wichtige Frage heiße: Wer wird Stabschef? Wer Minister? Trump agiere weitgehend losgelöst vom politischen System. “Das kann ein sehr gefährlicher Punkt sein.”

“Buy american” ist ein Schlagwort Trumps. Bayern horcht da auf. Für den Freistaat sind die USA Handelspartner Nummer eins. 2015 exportierte Bayern Waren für 23 Milliarden Euro in die USA, 16 Prozent mehr als 2014. Die vielen Geschäftsbeziehungen dürften nicht plötzlich gekappt werden, schätzt Markus Huber. Der Exportberater bei der IHK Regensburg bezweifelt, dass der neue Präsident die USA tatsächlich so stark isolieren wird, wie er es angekündigt hat. Huber warnt vor Panik: Auch nach dem Brexit folgte auf Schock und Ernüchterung eine Normalisierung. “Wir müssen jetzt einfach dynamisch abwarten.”

“Das Ergebnis ist für mich immer noch unfassbar”: Regensburgs Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) glaubte “zu 100 Prozent” an Hillary Clinton. Trumps Sieg sende das Signal aus, dass auch “mit gnadenlosem Populismus und dem Schüren von Stimmung” Wahlen zu gewinnen sind. Der emotionalisierte Wahlkampf wird Schule machen, fürchtet der OB.

Mit Trump ist der politische Diskurs nach Ansicht von Ismail Ertug, Mitglied des EU-Parlaments für die Oberpfalz und Niederbayern, “in neue Tiefen gesunken”. Die außenpolitische Ausrichtung bereitet dem SPD-Politiker Sorge. Gerade in einer zunehmend vernetzten Welt sei Trumps Abschottungspolitik fatal. Das Problem einer ungleichen Verteilung von Vermögen und Chancen innerhalb der Gesellschaft werde Trump mit Isolationismus nicht lösen. “Trump ist zwar als Anti-Establishment-Kandidat angetreten, seine Politik wird aber voraussichtlich genau diesem Establishment und damit den Reichen nützen.”

“Es ist erschreckend, dass man mit blankem Populismus, Frauenverachtung, Hetze gegen Minderheiten und ohne Fachkenntnisse das höchste Amt in den USA erreichen kann”: MdL Margit Wild, SPD-Abgeordnete im Landtag, zeigte sich “geschockt”. Sie mache sich Sorgen um die Demokratie. “Das Wahlergebnis muss die Politiker in Europa aufrütteln. Wir müssen uns mit den Ursachen von Rechtspopulismus beschäftigen, denn für so eine Entwicklung gibt es Gründe.”

“Viele sagen: Ich gehe nach Kanada”

Matt Vance, Baseballer bei den “Legionären”, hat in San Diego (Californien) gewählt - Hillary Clinton. “Meine Familie und die meisten Freunde sind überrascht und enttäuscht.” Offenbar wollten die Amerikaner den Wechsel. Zuletzt sei das Land unter Obama viele kleine Schritte vorwärts gekommen, sagt Vance, mit Blick etwa auf die Arbeitslosenquote von rund vier Prozent; unter Trump mache das Land jetzt wohl viele große Schritte zurück.

Simone Elliott, Tänzerin am Theater Regensburg, findet das Wahlergebnis traurig, bestürzend. “Trump verbreitet Hass.” Ein Hauptgrund seines Erfolgs liege in der Angst: vor Ausländern, vor sozialem Abstieg. “Es gibt sehr viele Rassisten in den USA.” Diese Strömung war unter den Demokraten weniger sichtbar und käme nun zu Tage, so die Amerikanerin aus Seattle.

Für Kunst und Kultur bedeute der Wahlsieg, dass die Kreativen, die bereits heute wenig öffentlichen Beistand erhalten, künftig noch weniger Wertschätzung bekämen. Sie hofft, dass die US-Bürger zusammenhalten und die Spaltung überwinden.

Die Homepage der kanadischen Einwanderungsbehörde kollabierte am Mittwoch unter der Flut von Anfragen. Viele US-Bürger überlegen, auszuwandern. Elliott bestätigt die Beobachtung: “Viele meiner Freunde sagen: Ich gehe nach Kanada.”

 

Quelle: MZ am 10.11.16

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