Pressebericht

Alstom und Bombardier machen der EU Zugeständnisse – Werk Hennigsdorf betroffen

Die Talent-3-Plattform in Hennigsdorf und das Werk Reichshoffen sollen verkauft werden. Jetzt muss die EU-Kommission entscheiden, ob das reicht.

Der französische Bahntechnikkonzern Alstom hat Verpflichtungszusagen vorgelegt, um die Bedenken der EU-Wettbewerbskommission bei der geplanten Übernahme des kanadischen Konkurrenten Bombardier auszuräumen. Danach will sich Alstom unter anderem vom Werk Reichshoffen im Elsass trennen, den Regionaltriebzug Talent 3 von Bombardier samt Produktionslinie in Hennigsdorf bei Berlin verkaufen und aus dem Hochgeschwindigkeits-Joint-Venture mit Hitachi (Zefiro) aussteigen.

Die Kommission muss nun prüfen, ob ihr das ausreicht, um die im Februar vereinbarte Übernahme zu genehmigen. Alstom würde mit Bombardier zum zweitgrößten Schienenfahrzeughersteller der Welt aufsteigen. „Sollte die EU dem Angebot folgen, wäre das für Alstom eine glückliche Lösung“, sagte Maria Leenen, Chefin der Beratungsfirma SCI Verkehr, dem Handelsblatt. „Vermutlich wird sich die Kommission insbesondere mit Blick auf die starke Stellung von Alstom/Bombardier in Frankreich und im Doppelstocksegment damit aber nicht zufriedengeben.“

In Reichshoffen wären 700 bis 800 Mitarbeiter von einem Verkauf betroffen, dort wird vor allem der Coradia Polyvalant gefertigt, ein Regionalzug für den französischen Markt, auf dem Alstom mit Bombardier gemeinsam beinahe ein Monopol für Regionalzüge hatte.

Im Bombardierwerk Hennigsdorf stünden rund 200 Arbeitsplätze zur Disposition. Der kanadische Konzern wäre damit weit weniger von einem Deal mit der EU-Kommission betroffen als bislang befürchtet. Französische Gewerkschaften hatten erwartet, dass auch der Bombardier-Standort im nordfranzösischen Crespin abgegeben werden könnte. Dieses Werk ist viel größer als Reichshoffen und produziert neben Regionalzügen auch Metros und S-Bahnen. Dort arbeiten ungefähr 2000 Beschäftigte.

Industriell gesehen ist Crespin deutlich wertvoller als Reichshoffen, zumal die Auftragslage besser sein soll. Einer französischen Zeitung zufolge ist Crespin für vier Jahre ausgelastet, während Reichshoffen lediglich Orders für ein bis zwei Jahre habe. Der Verkauf von Reichshoffen lässt sich auch leichter abwickeln, weil das Werk auf ein Produkt spezialisiert ist und von einem Käufer leichter integriert werden kann.

Siemens-Engagement gilt als unwahrscheinlich

Als Interessenten sollen sich nach Informationen aus Unternehmenskreisen die beiden spanischen Hersteller Talgo und CAF gemeldet haben. Siemens dagegen hat nur bekundet, Möglichkeiten zu sondieren. Es gilt als unwahrscheinlich, dass die EU-Kommission einen Zukauf der Münchener in Deutschland akzeptieren würde.

Die EU-Kommission in Brüssel wollte sich auf Anfrage am Donnerstag nicht dazu äußern, ob sie eine vertiefte Prüfung anstrebt. „Die vorläufige Frist für die Entscheidung ist der 16. Juli“, sagte eine Sprecherin. Eine vertiefte Prüfung über vier Monate ist nach Meinung von Insidern in Brüssel bei Milliardenübernahmen nicht unüblich. Nachdem Alstom seine Vorschläge gemacht hat, könnte die erste Prüfungsfrist aber bis zum 31. Juli verlängert werden. „Die EU-Kommission lässt sich noch nicht in die Karten schauen“, sagte der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Europaabgeordneten, Ismail Ertug, dem Handelsblatt.

Eine vertiefte Prüfung würde allerdings den Zeitplan von Alstom ins Wackeln bringen, denn das französische Unternehmen hofft auf eine Einigung mit Kaufinteressenten unmittelbar nach der Sommerpause, um die Fusion im ersten Halbjahr 2021 zum Abschluss zu bringen. Der Kaufpreis liegt laut Ankündigung im Februar zwischen 5,8 Milliarden und 6,2 Milliarden Euro, je nach Bewertung Bombardiers.

 

Handelsblatt.com vom 09.07.2020

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