Pressebericht

Brisante Studie: CO2-Kompensationssystem Corsia für die Luftfahrt gefährdet Klimaziele der EU

Die EU-Kommission legt im Juni ihren Vorschlag zum Klimaschutz bei den Airlines vor. Eine neue EU-Untersuchung kommt nun zu dem Schluss: der geplante Weg funktioniert so nicht.

Die 352 Seiten dicke Studie zum Klimaschutz im Luftverkehr hat es in sich. Denn sie kommt zu dem Ergebnis, dass das globale CO2-Kompensationssystem für den Luftverkehr „Corsia“ (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation) das Erreichen der europäischen Klimaziele gefährdet. Die von der EU-Kommission beauftragte Studie liegt dem Handelsblatt vor.

Die Ergebnisse sind für die Luftfahrtbranche in ganz Europa brisant. Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist: Sollte das Klimakompensationssystem Corsia den Emissionsrechtehandel ersetzen und künftig als das einzige Instrument zur Reduzierung von Kohlendioxid (CO2) im europäischen und internationalen Luftverkehr eingesetzt werden, würde dies zu gravierenden Folgen für die Emissionsentwicklung führen.

Laut Studie wäre etwa das Erreichen der Klimaneutralität in der EU bis 2050 gefährdet. Wörtlich heißt es: „Diese Option ist mit dem größten globalen Nettoanstieg der CO2-Emissionen im Luftverkehr verbunden.“ Es ist demnach unklar, ob Offsetting, das Kompensieren, zu tatsächlichen Emissionseinsparungen führt.

Die finanziellen Anreize für die Fluglinien, ihre CO2-Emissionen einzusparen, sind offenbar zu gering. Aus heutiger Sicht können die bestehenden Design-Fehler von Corsia nicht ohne Weiteres korrigiert werden. „Der Spielraum für die Erbringung hochwertiger, gutgeschriebener Emissionsminderungen wird abnehmen“, heißt es in der Studie.

Die EU hatte auf einen Vorschlag von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hin im Dezember beschlossen, dass die CO2-Emissionen bis 2030 um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken sollen. Für viele Branchen bedeutet das einen außerordentlichen Kraftakt. Das gilt insbesondere für die von der Pandemie extrem betroffene Luftfahrtbranche.

Corsia soll Wettbewerbsgleichheit herstellen

Mit dem Klimakompensationssystem Corsia der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) der UN soll die Schieflage durch den nur in Europa geltenden Emissionsrechtehandel (ETS) beseitigt werden. Alle Airlines weltweit sollen künftig die gleichen Aufwendungen für die Reduzierung der Emissionen haben, um Wettbewerbsgleichheit herzustellen.

Corsia sieht etwa vor, dass die Airlines jegliches Wachstum auf der Emissionsseite kompensieren müssen. Bereits im Jahr 2013 hatte sich die EU darauf geeinigt, den Geltungsbereich des Emissionshandels auf Europa zu beschränken, um der ICAO die Zeit zu geben, ein globales CO2-Ausgleichssystem für internationale Luftverkehrsemissionen namens Corsia zu entwickeln.

Bevor die Kommission beschloss, das Kompensationssystem in der EU anzuwenden, wurde sie gebeten, dessen ökologische Wirksamkeit zu bewerten. Die Studie, die dem Handelsblatt vorliegt, ist Teil dieser Analyse. EU-Kreise in Brüssel vermuten, dass die starke Kritik an dem Klimakompensationsprogramm mit großer Wahrscheinlichkeit der Grund dafür ist, weshalb die Kommission diese Studie bislang zurückgehalten hat.

Studienergebnisse befeuern Kritiker der Flugbranche. Sie bezeichnen das Corsia-System als ineffektives Kompensationsprogramm und plädieren dafür, Flüge von und nach Europa in den Emissionsrechtehandel ETS zu integrieren.

In der Branche wird zudem kritisiert, dass Regulierungsbehörden viele Jahre mit dem Versuch, ein solches Programm auf die Beine zu stellen, verschwendet haben. Das Corsia-System stehe im Widerspruch zum Green Deal der EU, weil die finanziellen Kompensationen billig seien und nicht den Nachhaltigkeitskriterien entsprächen.

Es zeige sich, dass die ICAO nicht in der Lage sei, die Emissionen des Luftverkehrs effektiv anzugehen, sagte eine Brancheninsiderin in Brüssel am Mittwoch. Deshalb sollte sich die EU darauf konzentrieren, ihre eigenen Regeln zur Reduzierung von CO2 zu überarbeiten und die Langstreckenflüge wieder einzubeziehen.

Kritik am Klimakompensationssystem Corsia auch im Europaparlament

Im Europäischen Parlament wird unterdessen das Klimakompensationssystem Corsia ähnlich kritisch wie in der Studie der Kommission gesehen. „Corsia ist im Europäischen Parlament schon lange in der Kritik, weil es in seiner jetzigen Form, laut der Meinung vieler Kolleginnen und Kollegen Emissionen nicht reduzieren kann“, sagte Ismail Ertug, der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Gruppe im Europaparlament

„Da wir alle davon ausgehen müssen, dass trotz Corona die internationale Luftfahrt langfristig weiterwachsen wird, ist es zumindest zu bezweifeln, ob Corsia hier ein wirksames Instrument für den Klimaschutz sein kann.“

Die Kommission will bereits im Juni einen Vorschlag für eine Weiterentwicklung des Emissionshandels für den Luftverkehr vorlegen. Aktuell werden nur innereuropäische Flüge vom europäischen Emissionsrechtehandel erfasst. Internationale Flüge sind vom ETS bisher ausgenommen.

Die entscheidende Frage ist, ob ETS künftig auch auf die internationalen Flüge ausgeweitet werden kann oder Corsia das Leitinstrument im internationalen Luftverkehr bleibt. Es gibt Stimmen, die dafür plädieren, Corsia auf alle, auch auf die innereuropäischen Flüge, anzuwenden und somit das europäische System zu ersetzen.

Die EU-Kommission hat 2020 die bislang geheim gehaltene, im September vergangenen Jahres abgeschlossene Studie in Auftrag gegeben, um den möglichen Klimaeffekt von Corsia besser zu verstehen.

Das Europäische Parlament hat im Januar 2020 eine Entschließung zum Green Deal angenommen. In dieser hat sich die Mehrheit des Parlaments dafür ausgesprochen, dass der innereuropäische Emissionshandel gestärkt werden soll. Aktuell erhalten Fluggesellschaften eine freie Zuteilung von ETS-Zertifikaten, was das System relativ unwirksam macht.

Mehr Anreiz zur CO2-Reduktion

Das Europäische Parlament ist mehrheitlich der Meinung, dass diese freie Zuteilung ein Ende haben muss, damit ein größerer Anreiz zur CO2-Reduktion besteht. „Etwas anders sieht es bei internationalen Flügen aus. Ob diese auch in das ETS einbezogen werden sollen, ist Gegenstand andauernder Diskussionen“, sagte der Europaabgeordnete Ertug. In der Kommission ist dafür der niederländische Vizepräsident und Klimakommissar Frans Timmermans zuständig.

Die Kommission muss sowohl dem Europaparlament als auch den Mitgliedsländern im Frühjahr eine Bewertung von Corsia vorlegen und Wege zur Implementierung von Corsia durch die bisherige ETS-Richtlinie aufzeigen. Bereits seit neun Jahren nimmt die Flugbranche am Emissionsrechtehandel teil.

Die Airlines bekommen einen gewissen Grundstock an Verschmutzungsrechten zugeteilt. Brauchen sie mehr, müssen sie diese kaufen. In der Luftfahrtbranche herrscht ein Konsens darüber, dass Corsia und der Zertifikatehandel in der EU parallel weiterlaufen sollen. Ob es so kommt, wird die Kommission mit ihrem in Arbeit befindlichen Vorschlag entscheiden.

 

Handelsblatt.com vom 18.03.2021

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