Pressebericht

Die Retterin der Nachtzüge

Karima Delli hat als Chefin des EU-Verkehrsausschusses eine neue Ära der Nachtzüge eingeleitet. Für sie sind es Orte, die Arm und Reich zusammenbringen.

Wenn künftig wieder mehr Nachtzüge durch Europa fahren, ist das auch Karima Dellis Verdienst. Die Französin hat als Vorsitzende des Verkehrsausschusses im EU-Parlament für die europäischen Nachtbahnen gekämpft, für sie die "spannendste Mobilität aller Zeiten". Ein Verkehrsmittel, das noch vor wenigen Jahren als uncool und unrentabel galt. Die Deutsche Bahn beerdigte 2016 ihre Nightjets, die französische SNCF die meisten ihrer trains de nuits schon zuvor. Diese Entscheidungen seien ein historischer Irrtum gewesen, sagt Delli heute. Ihr Ausschuss hat Druck auf den EU-Ministerrat ausgeübt und dafür gesorgt, dass Nachtzüge beispielsweise ab Dezember über Wien und München nach Paris fahren, ab 2022 von Zürich nach Rom, später etwa auch von Berlin nach Paris und von Zürich nach Barcelona.

Für Delli sind Nachtzüge nur der Anfang: Sie sollen der "sympathischste Teil" eines völlig neuen Zugnetzes in Europa werden. Wobei es so neu eigentlich nicht ist, sondern eher ein Zugnetz, wie es mal in den Achtzigerjahren existierte, als beispielsweise in Frankreich noch 550 Städte von Nachtzügen angefahren wurden und nahezu niemand weiter als ein paar Kilometer vom nächsten Bahnhof entfernt wohnte. "Wir können nicht auf Erfindungen warten, die Flugzeuge klimafreundlicher machen sollten – wir müssen jetzt nehmen, was es schon gibt", sagt Delli. Für die 41-Jährige, die aus einer der ärmsten Regionen Frankreichs kommt, ist Mobilität entscheidend für Menschen mit wenig Geld: "Sie brauchen ein günstiges, öffentliches Angebot – alle anderen kommen so zurecht." Und auch mehr Umweltschutz nutze in erster Linie den Armen, sagt Delli. Vierhunderttausend Menschen stürben in Europa jährlich vorzeitig an Luftverschmutzung. "Glauben Sie mir, das sind nicht die Reichen, die hier ihr Leben lassen."

Angst vor der "strammen Umweltfanatikerin"

Früher kämpfte Delli in einem Verein mit dem satirischen Namen Die Retter die Reichen für ein staatlich begrenztes Gehalt für Besserverdienende, eine Art Maximalgehalt. Der Verein stürmte beispielsweise die Geburtstagsfeier des Industriellen Arnaud Lagardère auf einer Yacht, nachdem dieser kurz zuvor die Entlassung Hunderter Mitarbeiter angekündigt hatte. Wie kommt eine junge Fundi-Grüne an den Brüsseler Posten – in einem Ausschuss, der traditionell von alteingesessenen Männern dominiert wird? Noch dazu ist ihre Fraktion kleiner als die der Sozialisten und Konservativen.

Delli hat gut gepokert. Bislang ist der Verkehrsausschuss für viele Abgeordnete nur die zweite Wahl. Traditionell wollen die Konservativen den Auswärtigen Ausschuss leiten, die Sozialdemokraten den Sozialausschuss. So meldete sich die Grüne für dieses Amt, das immerhin 40 Milliarden Euro verwaltet – und gewann.

"Delli hat dem Ausschuss wieder Glamour verliehen", sagt Ismail Ertug, EU-Abgeordneter aus Amberg für die SPD. Als Delli 2017 den Vorsitz übernahm, hätten viele seiner Kollegen Angst vor der "strammen Umweltfanatikerin" gehabt. Aber dann, sagt der Bahn-Fan Ertug, habe sich die Stimmung im Ausschuss geändert – auch dank Fridays for Future und wegen des Dieselskandals, dem systematischen Betrug bei Emissionswerten von Autos. Dellis Träume von den Nachtzügen hätten nun auch den letzten Auto- und Flugzeugfan überzeugt. "Sie hat Ahnung und kann mitreißen", sagt Ertug.

Das Schwierige für eine junge, nicht-weiße Frau sei nicht, Macht auszuüben, sagt Delli. Das Schwierige sei, an sie zu gelangen. Während ihres Politikstudiums habe ein Professor zu ihr gesagt, sie sei eine "soziologische Anomalie". Sie sei ruhig geblieben und habe geantwortet, die Anomalie sei, dass solche wie sie so selten studierten. Solche, die wie sie keine Akademiker in der Familie haben und in Vierteln mit schlechtem Ruf leben.

Delli wuchs in der ärmsten Stadt Frankreichs auf, in Roubaix nahe der belgischen Grenze. Fast jede zweite Familie gilt hier als arm, und auch Delli konnte als Kind nicht an den Ski- und Wanderausflügen der Schule teilnehmen, weil ihre Familie zu wenig Geld dafür hatte. Schließlich war Delli das neunte von insgesamt 13 Kindern algerischer Einwanderer, die bis heute weder lesen noch schreiben können. Kurztrips mit Flugzeugen? Teure Fahrten mit dem Schnellzug? Unerreichbar.

Als Delli zum ersten Mal ins EU-Parlament gewählt wurde und ihren Vater euphorisch mitten in der Nacht anrief, lachte er und legte auf, erzählt Delli. Er dachte, es handele sich um einen Scherz. "In dieser armen Klasse, ohne das passende Adressbuch, bleibt das Gefühl: Die staatlichen Institutionen sind nicht für uns gedacht, sondern für alle anderen", sagt Delli. Als sie Chefin des Ausschusses wurde, hätten sie viele der Abgeordneten mit Karima, ihrem Vornamen, angesprochen. "Madame la présidente", habe sie dann stets verbessert.

Inlandsflüge würde sie am liebsten verbieten

Günstig sollen die neuen Nachtzüge sein. Und komfortabler als die alten französischen Modelle. Wer sie erlebt hat, weiß, dass es dort immer zu heiß oder zu kalt war, die Fenster sich nicht öffnen ließen, auf den Toiletten das Papier fehlte und der einzige Kaffeeautomat des gesamten Zuges meistens kaputt war. "Aber dafür", sagt Delli, die kein negatives Wort über ihre geliebten Nachtzüge gelten lässt, "kamen dort immer ganz unterschiedliche Menschen zusammen". Sie selbst habe auf ihren nächtlichen Trips zwischen Paris und dem südfranzösischen Toulouse viele nette Leute kennengelernt. "Plötzlich sitzt man neben einer Unbekannten im Pyjama, da kommt man ins Plaudern", sagt sie. Für Delli ist der Nachtzug nicht einfach ein klimafreundliches Fortbewegungsmittel, sondern vielmehr eine soziale Institution, indem Ärmere und Reichere das Schlafzimmer teilen.

Die Kollegen im Verkehrsausschuss glaubten lange Zeit, Züge und erst recht Nachtzüge seien eine kleine Nische, nicht der Rede wert. Ihnen ging es um Flughäfen, um Kreuzfahrtschiffe, um Autobahnen und all die anderen Prestigeobjekte. Um zweifelnde Kollegen mitzunehmen, präsentierte Delli die Nachtzüge als "neue Industriepolitik Europas". Manchmal sei es frustrierend gewesen, sagt sie. Aber der Wind habe sich gedreht. Sie motiviert der Gedanke, als EU-Abgeordnete Fortschritt für 27 Länder gleichzeitig zu erreichen: "Das ist enorm", sagt Delli.

Nach den Nachtzügen will sie nun dafür sorgen, dass sich die EU-Länder auf gemeinsame Fahrpläne und Fahrradabteile einigen. Außerdem sollen Kunden und Kundinnen mehr Rechte erhalten, wenn die Züge verspätet sind. Inlandsflüge würde sie am liebsten verbieten.

Delli selbst verbringt ihre Urlaube dort, wo Bahnhöfe sind. Sie glaubt, die Zukunft gehöre in der Klima- und nach der Corona-Krise den Ferien in der Nähe. Ihre letzten Ziele waren Käse-Spezialitäten in der Bourgogne und Robben am Strand des Ärmelkanals. Und wenn dann künftig auch noch ihre Geschwister und Eltern günstig mit dem Nachtzug reisen könnten, wäre sie rundum zufrieden.

 

Zeit.de vom 10.01.2021

Alle Presseberichte

Newsletter

Sie wollen über aktuelle europäische Themen und meine parlamentarische Arbeit regelmäßig informiert werden? Hier können Sie sich für meinen monatlichen Newsletter anmelden.