Pressebericht

Neue EU-Allianz für seltene Rohstoffe

Rohstoffe wie Lithium oder seltene Erden sind essenziell für die Elektromobilität. Bislang werden sie aber fast vollständig aus Drittstaaten importiert. Eine europäische Rohstoff-Allianz und ein ambitionierter Aktionsplan sollen das ändern – auch der Abbau in stillgelegten Kohlekraftwerken steht im Raum.

Gestern hat der Umweltausschuss des Bundestages zu einer öffentlichen Anhörung eingeladen, um das deutsche Batteriegesetz zu novellieren. Zeitgleich kommt auch in Brüssel ein Stein für die Zukunft der Batterien ins Rollen: Morgen treffen sich – wenn auch per Videokonferenz – die „Freunde der Batterien“, ein Zusammenschluss von EU-Parlamentariern, die sich um eine gemeinsame Strategie zur Batterieproduktion bemühen.

Anwesend sein wird EU-Kommissar Maroš Šefčovič, der auch Vorsitzender der europäischen Batterieallianz ist. In diesem Rahmen wird Šefčovič die Gründung einer weiteren Allianz, diesmal für kritische Rohstoffe, verkünden. Offizieller Beginn soll allerdings erst Ende des Monats sein, ab dann können sich Regionen, Unternehmen, Gewerkschaften oder Forschungseinrichtungen einbringen.

Die Idee hinter der Rohstoff-Allianz ist es, einen europäischen Markt für kritische Rohmaterialien aufzubauen, von denen die Kommission derzeit 30 listet. „Unsere Zusammenarbeit in der Batterieallianz war bislang sehr erfolgreich. Aber wir haben schnell festgestellt, dass es nicht ohne eine Grundlage zur Beschaffung der Rohstoffe funktioniert“, sagt Ismail Ertug, bayrischer Sozialdemokrat im Verkehrsausschuss des Parlaments und Mitglied der Batteriefreunde.

Bedarf an Lithium wird sich ums 60-fache erhöhen

Kritische Rohstoffe – das sind beispielsweise Hafnium, Vanadium, Tantal, Bauxit oder Antimon. Klingt wie römische Dörfer, dahinter verbergen sich aber essenzielle Bestandteile nicht nur von Batterien, sondern auch von Elektromotoren, LED-Lampen oder Photovoltaik-Modulen. Obwohl viele dieser Stoffe theoretisch auch in der EU abbaubar sind, werden sie bislang zum Großteil aus Drittländern importiert – und zwar aus sehr wenigen Quellen. So stammen 98 Prozent der in der EU verwendeten seltenen Erden aus China, 98 Prozent der Borate kommen aus der Türkei, während Südafrika über 70 Prozent des europäischen Bedarfs an Platin deckt. 

Mit dieser Abhängigkeit soll schon in wenigen Jahre  Schluss sein. Dazu hat die Kommission vergangene Woche einen Aktionsplan und eine Bedarfsprognose für kritische Rohstoffe veröffentlicht. Die zeigt, dass allein der Bedarf an Lithium durch E-Autos bis 2030 um das 18-fach ansteigen wird, zur Jahrhunderthälfte wird die EU 60 Mal so viel Lithium und 15 Mal so viel Kobalt verbrauchen wie heute. Auch die Nachfrage nach seltenen Erden wird sich verzehnfachen.

„Das setzt uns unter Druck, zu handeln, sonst drohen uns möglicherweise katastrophale Engpässe in der Versorgung. In der Vergangenheit wurde das zu sehr auf die leichte Schulter genommen“, sagte der Abgeordnete Ertug Tagesspiegel Background. Größte Herausforderung sei, wie sich aus der heimischen Gewinnung und Verarbeitung kritischer Rohstoffe ein Business Case machen lässt. Denn hohe Kosten und komplizierte Genehmigungsverfahren behindern den Aufbau einer europäischen Industrie. „Wenn das nicht so schwierig wäre, würden andere Länder die Stoffe schon längst selber produzieren.“

Abbau in alten Kohlerevieren

Um die Abhängigkeit von Drittstaaten zu beenden, soll laut Kommission nun einiges in Bewegung kommen. In einem ersten Schritt soll sich die Rohstoff-Allianz mit den am meisten verwendeten Materialien, nämlich seltenen Erden und Magneten, befassen und ihre Wertschöpfungskette stärken. Im kommenden Jahr soll die Forschung hochgefahren werden, finanziert durch europäische Forschungsprogramme. Ziel ist, herauszufinden, wie sich kritische Rohstoffe möglichst ersetzen oder besser recyceln lassen, um eine Kreislaufwirtschaft aufzubauen. Noch 2021 sollen dann strategische Pilotpartnerschaften mit Kanada und Australien, aber auch mit afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern geschlossen werden.

Bis Ende nächsten Jahres will die EU-Kommission durch delegierte Rechtsakte einen Rahmen für nachhaltige Finanzierungskriterien im Bergbau schaffen. Das soll in Zusammenarbeit mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) geschehen, die laut ihrer neuen Vergabekriterien stärker Projekte finanzieren will, die auf die die Versorgung mit kritischen Rohstoffen für kohlenstoffarme Technologien abzielen. 2022 stehen dann die „sekundären kritischen Rohstoffen“ aus Lagerbeständen und Abfällen auf der Agenda – sprich, es wird geschaut, an welcher Stelle sich die Wertstoffe zurück in die Produktion holen lassen. 

Bislang fehlt es noch an finanziellen Anreizen

Bis 2025 soll ein Plan stehen, um seltene Rohstoffe auch in der EU selber abzubauen. Dazu sollen mithilfe des Erdbeobachtungsprogramms Copernicus neue Bergbau-Standorte gesucht werden, auch stillgelegte Kohletagebaue könnten zum Schürfen geeignet sein. Potenzial gibt es dazu vor allem in Frankreich, Spanien, dem Westbalkan und Skandinavien. Mit Blick auf Lithium könnte Europa „bereits Mitte des Jahrzehnts ziemlich autark sein“, hofft Kommissar Šefčovic. An sich ist mehr als genügend Lithium auf der Erde vorhanden, weil die Nachfrage weltweit aber rasant steigen wird, hat die EU-Kommission den Stoff vergangene Woche zu ihrer Liste der kritischen Rohstoffe hinzugefügt.

Bislang fehlt es aber noch an finanziellen Anreizen, um den Abbau kritischer Rohstoffe in die EU zu verlagern, gibt die Kommission zu. Helfen sollen die Arbeit der Rohstoff-Allianz sowie die EIB. Man werde in die Gewinnung der Rohstoffe in der EU investieren, „um zu demonstrieren, dass das auf nachhaltige Weise und mit Unterstützung der Gemeinschaft möglich ist", verspricht Šefčovič. Bis es soweit ist, dürfte es wohl noch einige Jahre dauern.


Tagesspiegel vom 10.09.2020

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