Pressebericht

Studie: Neue Abgasnorm der EU vernichtet kaum Arbeitsplätze in der Autobranche

Der Auto-Experte Dudenhöffer ärgert erneut die Hersteller: Anders als von der Industrie behauptet, kompensiere die schnelle Einführung der Elektromobilität weitgehend mögliche Jobverluste.

Die EU-Kommission arbeitet unter Hochdruck an der Verschärfung der Kohlendioxid-Grenzwerte für die Autobranche. Die Brüsseler Pläne für eine neue Abgasnorm sind hochumstritten – auch, weil die Hersteller Arbeitsplatzverluste befürchten.

Doch eine Studie des Duisburger Forschungsinstituts „Center Automotive Research“ von Ferdinand Dudenhöffer kommt nun zu einem anderen Ergebnis. Die Umstellung von Verbrennern auf Elektroautos sei kein Jobkiller, so Dudenhöffer. Er prognostiziert, dass die Pläne der Kommission nur geringe negative Konsequenzen für die Arbeitsplätze in der Autoindustrie haben werden.

„Die geplante Verschärfung der CO2-Regulierung in der EU gefährdet die Arbeitsplätze in der europäischen Autoindustrie weniger als befürchtet“, sagt der Automobilwirtschaftsexperte zum Ergebnis seiner Untersuchung. „Im Gegenteil: Über alle Wirtschaftssektoren hinweg kann man positive Auswirkungen auf die Beschäftigung erwarten.“

In den Autoländern Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und der Slowakei sollen laut der Studie durch schärfere Vorgaben bei den Emissionen nur 1,8 Prozent der Jobs wegfallen. Das entspricht knapp 15.000 Arbeitsplätzen.

Die Auswirkungen auf die Beschäftigung könnten weitgehend durch neue Arbeitsplätze im Bereich der Elektromobilität wie Batterieproduktion und Ladeinfrastruktur kompensiert werden, so die Untersuchung. Ein früherer Umstieg auf Elektroautos fördere den Aufbau von Skaleneffekten und von zukünftigen Wettbewerbsvorteilen in der Automobilindustrie. Die Studie wurde von der European Climate Foundation mitfinanziert.

Warnung vor Verlängerung des Endes von Diesel und Benziner

Dudenhöffer warnt davor, der Behauptung drohender Arbeitsplatzverluste zu große Aufmerksamkeit zu schenken und dadurch das Ende des Verbrennermotors wie Diesel und Benzin zu verschieben. „Nach meiner Einschätzung macht es Sinn, keine weichgespülte Euro-Norm 7 zu verabschieden. Das wurde in der Vergangenheit viel zu oft gemacht und hat unseren technischen Fortschritt und die Transformation zum Elektroauto behindert“, sagte Dudenhöffer dem Handelsblatt in Brüssel.

Mit einer „laschen“ Euro-Norm 7 würden die heutigen Verbrenner noch sehr lange verkauft. „Wenn wir Klimaschutz und Emissionsschutz in unseren Städten ernst nehmen, dürfen wir im Verkehrssektor nicht die Augen zumachen“, warnt der Wissenschaftler eindringlich.

Als Fazit wird in seiner Untersuchung festgehalten: „Bereits in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass strengere CO2-Vorgaben in der deutschen Automobilindustrie Arbeitsplätze geschaffen und nicht vernichtet haben.“ Der Institutschef plädiert dafür, auf das neue Potenzial und damit Arbeitsplätze beispielsweise bei der Herstellung von Batteriezellen zu setzen.

„Werden diese Opportunitätskosten in Erwägung gezogen, ergibt sich aufgrund der strengeren EU-Emissionsvorschriften ein positiver Arbeitsplatzeffekt“, prognostiziert die Studie. Dudenhöffer unterstützt damit die EU-Kommission mit ihrem klimapolitisch ehrgeizigen Vizepräsidenten Frans Timmermans. Er sieht in der erzwungenen Transformation der europäischen Automobilindustrie eine Verbesserung der Position im globalen Wettbewerb.

Die Ergebnisse der Studie werden auch vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) bestätigt. Die Experten des IAO gaben bereits erstmals im Dezember Entwarnung. „Vielleicht wird alles doch nicht ganz so schlimm“, lässt sich auch diese Studie des IAO zusammenfassen. Das Institut untersuchte die Auswirkungen von Elektromobilität auf die deutschen VW-Werke.

Die deutsche Automobilindustrie gehört zu den wichtigsten Branchen des Landes. Mehr als 800.000 Menschen arbeiten unmittelbar für einen Autohersteller oder einen Zulieferer. Dazu kommen noch einmal weitere 1,3 Millionen Beschäftigte, die in irgendeiner Form von der Autobranche abhängen.

Bis 2030 mindestens 30 Millionen emissionsfreie Auto

Die EU-Kommission will mit der Euro-Norm 7 den emissionsfreien Verkehr entscheidend nach vorne bringen. Deshalb ist die Frage für die Konsequenzen auf dem Arbeitsmarkt eine Schlüsselfrage. Bereits in diesem Jahr will die Kommission einen Vorschlag für eine neue Euro-Abgasnorm – Euro-Norm 7 – vorlegen. Die Kommission setzt sich nach eigenen Angaben dafür ein, dass „der Verbrennungsmotor mit der bestmöglichen Leistung und erschwinglichen Technologie zur Verringerung der Umweltverschmutzung beiträgt“.

Bis 2030 sollen mindestens 30 Millionen emissionsfreie Autos auf den Straßen Europas unterwegs sein. In Europa ist der Verkehr mit rund 28 Prozent die größte Emissionsquelle, einschließlich des Flugverkehrs und der Schifffahrt. Nirgendwo auf der Welt sind die Klimaziele ehrgeiziger als in der EU. Auf dem EU-Gipfel im Dezember 2020 haben die Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedsländer ihren Kurs noch einmal verschärft.

In der Nacht zum Mittwoch hatte auch das EU-Parlament zugestimmt, den Treibhausgas-Ausstoß im Vergleich zu 1990 bis 2030 um 55 statt 40 Prozent zu reduzieren. Die Euro-Norm 7 soll erst nach 2025 eingeführt werden. Damit will die Kommission der Autoindustrie offenbar genügend Zeit zur Anpassung geben.

Die Norm gilt dann für alle Neuwagen. Im Bereich der Pkw werde damit „mittel- bis langfristig die Ära der Benzin- und Dieselfahrzeuge zu Ende gehen“, prognostizierte der verkehrspolitische Sprecher der SPD im Europaparlament, Ismail Ertug, zuletzt.

 

Handelsblatt.com vom 22.04.2021

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