Pressebericht

Wie oft wird noch an der Uhr gedreht?

Heute Nacht werden die Uhren um eine Stunde zurückgedreht. Eigentlich will die EU die Zeitumstellung abschaffen. Doch das Vorhaben könnte scheitern, weil die Staaten sich nicht auf Sommer- oder Normalzeit einigen können.

Moment - da war doch mal was! Müsste das Ende der Zeitumstellung nicht schon längst beschlossene Sache sein? Bei einer europaweiten Online-Umfrage vor zwei Jahren waren schließlich 80 Prozent der viereinhalb Millionen Teilnehmer dafür. Und der damalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hatte vollmundig versprochen: "Die Menschen wollen das, wir machen das!"

Spätestens ab Oktober 2021 sollen die Uhren nicht mehr umgestellt werden, verlangt auch das Europäische Parlament - sogar mit einer satten Zwei-Drittel-Mehrheit. Das ist inzwischen mehr als anderthalb Jahre her. Und was hat sich seitdem getan? Nichts.

EU-Länder wollen nicht

Das liegt vor allem an den EU-Ländern. Die müssen nämlich zustimmen, haben sich aber bisher nicht auf eine gemeinsame Haltung geeinigt. Besser gesagt: Sie versuchen es nicht einmal. Die Sache könnte also ein großer Flop werden.

Das findet Katarina Barley, die Vizepräsidentin des Europaparlaments sehr schade: "Ich würde mich freuen, wenn wir die Zeitumstellung beenden könnten. Auch wenn ich keine kleinen Kinder mehr habe, weiß ich noch, wie schwierig das war, den Rhythmus umzustellen. Und ich glaube, dass wir das nicht brauchen." 

Flickenteppich vermeiden

Allerdings ist das Ganze komplizierter, als es aussieht. Entscheidet jedes Land für sich, ob dauerhaft die Sommerzeit gelten soll, oder die Normalzeit, die sogenannte Winterzeit, dann droht ein Flickenteppich mit endlosen Problemen. Zum Beispiel für Grenzpendler, Airlines oder die Bahn. Bleibt es wie bisher bei einer großen Zeitzone von Spanien im Westen bis Polen im Osten, sitzen die einen im Winter vormittags im Dunkeln, bei den anderen wird es im Sommer kurz nach Mitternacht hell.

Manche, wie Griechenland oder Portugal, würden am liebsten gar nichts ändern, andere haben sich noch nicht auf ewige Sommer- oder Winterzeit festgelegt - Deutschland zum Beispiel. Die Sache liegt also erstmal auf Eis.

Und dass auch die deutsche EU-Ratspräsidentschaft das Thema nicht anfassen will, stößt bei Europaabgeordneten wie dem SPD-Politiker Ismail Ertug, vorsichtig gesagt, auf Unverständnis: "Es kann doch nicht sein, dass wir als Europäische Union die Menschen lang und breit befragen, dass sogar das EU-Parlament einen Beschluss fasst - und dann bleibt das Ganze einfach liegen."

Fast nur Deutsche haben abgestimmt

Gerade die Bundesregierung müsste eigentlich am Aus für die Zeitumstellung besonders interessiert sein. Denn bei der Online-Umfrage hatten vor allem Deutsche mitgemacht, dazu ein paar Österreicher und Luxemburger. In den meisten anderen EU-Ländern scheint die Zeitumstellung dagegen kein größeres Problem zu sein.

Außerdem hat Europa angesichts der Corona-Krise ganz offensichtlich andere Sorgen, was der CDU- Abgeordnete Peter Liese ausdrücklich richtig findet. Er sagt aber auch: Wenn die Pandemie vorbei sei, komme das Thema Zeitumstellung wieder auf den Tisch: "Sobald wir einen Lichtblick sehen, und da hoffe ich, dass das im Frühjahr sein wird, dann muss das Thema wieder auf die Tagesordnung. Wir können den Willen der Menschen nicht einfach ignorieren."

 

Tagesschau.de vom 24.10.2020

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